Wenn ein Rugbyspieler in einer fremden Stadt oder in einem anderen Land bei einem Verein auftaucht, kann er sicher sein, mit offenen Armen empfangen zu werden. Der Rugbysport ist wie ein riesiges Dorf, Spieler und Fans bilden weltweit eine große Familie. Das zeigt vor allem das olympische 7er Rugby. Die besten Nationen spielen jedes Jahr in der „Sevens World Series“ zehn Turniere in zehn Ländern auf fünf Kontinenten. Tausende Rugbyfans wollen Teil dieser Weltliga sein, reisen nach Paris, Sydney oder Cape Town, um die  Atmosphäre zu genießen.

Doch es gibt Länder, die erst seit wenigen Jahren Teil dieser Familie sind, wie zum Beispiel Iran. Noch nie war ein Rugby-Team dort zu Gast, weder Frauen noch Männer. Das hat sich nun geändert. Vergangene Woche machte sich eine 16-köpfige Delegation von Berlin aus auf den Weg nach Teheran. Die „Adler Sevens“ sind eine deutsche Frauen-Auswahl und das erste Team, welches von der iranischen Nationalmannschaft zum „1st Tehran Tournament of Friendship“ empfangen wurde.

 


Hinter dieser außergew
öhnlichen Begegnung steckt der Verein „Bürger Europas“. In Kooperation mit dem Berliner Rugby-Verband fand genau vor einem Jahr das erste deutsch-iranische Treffen stattfinden, als die iranische Nationalmannschaft zu einem 7er Rugby-Turnier nach Berlin kam. In einem Land, in dem Bürger in allen Bereichen streng kontrolliert werden, haben es Mannschaften nicht leicht, für Turniere um die Welt zu reisen. Um den Anschluss zu kriegen und Erfahrung im Rugby zu sammeln, reisen Iraner zu weltbekannten Turnieren wie den Amsterdam oder Dubai 7s – heimlich, ohne eine offizielle Genehmigung der Regierung. Und möglich war das nur den Männern.

Das zeigt, welche Bedeutung der Besuch des Frauenteams hatte. Und wie wichtig nun der Gegenbesuch war, diese eine Woche, die das Team um die Trainer Bert Burtzlaff und Jana Häussler in Teheran verbrachte, samt Training, Sightseeing und Terminen mit dem deutschen Botschafter, dem ehemaligen Hertha-Spieler Ali Daei und Vertretern des olympischen Komitees.

 


Die iranischen Gastgeber setzten alles daran den bestmöglichen Eindruck ihres Landes zu hinterlassen - da wurden keine Kosten und Mühen gescheut, ein Treffen mit ihrem Fußballnationalheld Ali Daei zu arrangieren. In einem pompösen Konferenzsaal im Gebäude des Fußballvereins Saipan F.C. wurden die deutschen Rugbyspielerinnen platziert, neben ihnen warteten viele weitere Offizielle auf den Welttorjäger von 1996 und 2004. „Ich kann nur noch ein bisschen Deutsch“, Ali Daei berichtet von seiner Fußballkarriere in Deutschland und dass er bei Bayern München lieber gespielt hat als bei Hertha. Außerdem gibt er zu: „90 Prozent von dem was ich heute kann, habe ich in Deutschland gelernt.“

Genauso wie in Deutschland ist Rugby auch im Iran eine Randsportart. Wie konnte sich solch eine, vor allem für Frauen exotische Sportart, in einem Land in dem die Kopfbedeckung für Frauen Pflicht ist, überhaupt etablieren?


Zu verdanken ist das dem Präsidenten des iranischen Rugby-Verbandes Hassan Mirzadehbeyk. Der große, glatzköpfige Mann sieht mit seinen schwarzen, kugelrunden Augen immer sehr ernst aus. Doch er hat ein großes Herz für Sport. Früher war er selber Basketball Nationalspieler. Heute hat er das Sagen in allen Rugby-Angelegenheiten des Landes. Dass er einer der wenigen ist, die im Iran fließend Englisch sprechen, trägt sicherlich zur positiven Entwicklung des Sports bei.

Vor 20 Jahren hat Mirzadehbeyk angefangen, Rugby im Iran zu implementieren. Nach unzähligen Gesprächen mit dem Sportministerium erhielt er schließlich vor 13 Jahren die Erlaubnis, einen Verband für Männer- und Frauen-Rugby zu gründen. Im Frauenbereich gibt es heute 20 Klubs im Iran, fünf davon  in der Hauptstadt – alle spielen 7er Rugby. Für 15er Rugby fehlen Spielerinnen, aber auch Kenntnisse. Dass noch viel Nachholbedarf in der Ausbildung notwendig ist, wird schon bei den Fähigkeiten der Schiedsrichterinnen deutlich. Die aktuellen Regeländerungen wurden nicht angewandt und grobe Regelverstöße nicht gesehen.

 


Aber es gibt sie, Schiedsrichterinnen und Trainerinnen - fast jede Chefetage im iranischen Sport ist mit einem Mann und einer Frau besetzt. Das ist vorbildlich für ein Land, in dem es noch vor wenigen Jahren Männern verboten war, ein Stadion zu betreten, in dem Frauen spielten. In vielen Sportarten dürfen Frauen nur in geschlossenen Räumen trainieren. Beim Turnier war es anders. Die Adler Sevens spielten vor dem Präsidenten des Rugby-Verbandes, vor dem deutschen Botschafter, vor Hausmeistern, Ärzten, sogar Trainer Burtzlaff durfte im Stadion mit dabei sein. Als vor zehn Jahren Fußballerinnen aus Kreuzberg für ein Freundschaftsspiel in den Iran reisten, mussten der mitgereiste Kameramann des Teams vor dem Stadion und die Zuschauer leise bleiben. Diesmal saßen viele weibliche Rugbyfans mit ihren in iranischen Farben bemalten Gesichtern auf der Tribüne hinter den Goalstangen um die Mannschaften lautstark anzufeuern. Bei jedem Durchbruch ertöne das Gekreische und kleinen Iranflaggen wurde in die Luft gerissen. Im Anschluss an die Spiele durften die Mädchen sogar auf’s Feld um Selfies mit den Spielerinnen zu machen.

 


Für die deutsche Mannschaft war es trotz dieser fast schon modernen Verhältnisse nicht leicht sich den Bedingungen des Mittleren Ostens anzupassen. Von der ersten Minute an bewegte sich das Team keinen Schritt ohne Dolmetscherin, dem Präsidenten des Verbandes, drei Rugbyspielern, einem Sicherheitsmann – und zwei Sittenwächterinnen. Sitzt das Kopftuch, ist die Kleidung lang genug? Die konservativ, in Schwarz gehüllten Frauen folgten den Spielerinnen in die Umkleidekabine, auf die Toilette, hielten nicht zurück vor pers
önlichen Fragen oder vor einem Blick auf die Unterhaltung mit Google-Translater zwischen deutschen und iranischen Spielerinnen. Manche Fragen der Deutschen wurden von den Sportlerinnen mit einem Kopfschütteln abgeblockt, auf dem Smartphone-Display stand dann „Der Schutz ist hier.“ Die Sittenwächterinnen.

 


Es prallten zwei komplett unterschiedliche Kulturen aufeinander. Eine Kultur die auch nicht von allen Iranern zu hundert Prozent vertreten wird. Eine Spielerin sagte nach dem Turnier zur Kapitänin der Adler Sevens: „Auch ich glaube nicht an das.“ Sie zeigte auf ihr Kopftuch. „Aber vielen Dank, dass auch ihr mit Kopfbedeckung und langen Sachen gespielt habt und unsere Kultur respektiert.“

Die Gastgeberinnen, mit ihrer U18 und Frauen-Nationalmannschaft, gewinnt beide Spiele gegen die Adler. Doch das Resultat war selten so nebensächlich wie bei diesem Freundschaftsturnier. Beide Nationen liegen sich am Ende in den Armen, die Deutschen werden mit Gastgeschenken überhäuft, die unzähligen Fotografen halten jeden Moment mit der Kamera fest. Die Iraner haben gezeigt, dass Gäste äußerst willkommen sind. Auch Iran ist angekommen im Rugby-Dorf.


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